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Nur brutal wird viral: Der bedenkliche Trend zu Kampagnen und Spots mit Fiesheits-Faktor

Veröffentlicht am 26.04.2012

Marketing-Themen: Virales Marketing, Videos, YouTube

Lustig reicht nicht mehr, Spots müssen dramatisch sein.

Lustig reicht nicht mehr, Spots müssen dramatisch sein. - © youtube.com

Nur lustig reicht nicht mehr. Damit eine Kampagne den gewünschten viralen Kick erfährt, setzen immer mehr Kreative auf die Hau-Drauf-Methode.

Man fühlt sich erinnert an alte Fernsehzeiten, als „Verstehen Sie Spaß?“ noch nicht die weichgespülte Kuschel-Sendung mit Wohlfühl-Garantie war, sondern sich die Macher teils unfassbar böse Veräppelungen der ahnungslosen Hauptdarsteller in den Clips einfallen ließen. Schon damals basierte der Erfolg der Show auf dem Prinzip Schadenfreude. Doch was sich die Kreativen mittlerweile an Gemeinheiten einfallen lassen, um ihren Spots mit versteckter Kamera den viralen Anschubser zu geben, geht noch einen Schritt weiter: Tanzende Teenager in Einkaufszentren war gestern, heute benötigt man Explosionen und Unfälle.

Hoch gelobt und viel diskutiert: Spots für Tic-Tac und Turners TNT


Darf man das? Im viralen Tic-Tac-Spot wird ein ahnungsloser Passant auf einem belebten Platz nach dem Weg zum Bahnhof gefragt. Als Reaktion auf den (vermeintlichen) Mundgeruch des unfreiwilligen Hauptdarstellers fallen nacheinander sämtliche Passanten in einen komatösen Schockzustand. Die Reaktionen reichen von fassungslosem Entsetzen bis hin zu spontaner Flucht. Der Anblick des Platzes, auf dem überall verstreut die leblosen Körper liegen, weckt – ungewollt – beklemmende Assoziationen, wenn man sich die schrecklichen Bilder des Massakers auf der norwegischen Ferieninsel Ütöya vor Augen hält.

Die Auflösung der Situation ist recht sympathisch, denn die Dahingerafften bieten dem Verursacher mit schwacher Stimme ein Tic-Tac an - sobald er es nimmt, stehen alle auf und applaudieren im Konfettiregen. Aber kein normal denkender Mensch würde mit den unfreiwilligen Werbestars tauschen wollen. Ob die virale Kampagne von Ogilvy und Mathers tatsächlich den Umsatz der kleinen Mint-Pastillen ankurbelt, wird derzeit heiß diskutiert. Er könnte nämlich auch das Gegenteil bewirken.

Flash ist Pflicht!

Drama, Baby, Drama: Turners TNT lässt es ordentlich krachen


Selber schuld, könnte man meinen, wenn man den viralen Spot zum TV-Sender TNT sieht: Da drückt ein ahnungsloser Passant auf einen harmlos aussehenden Drama-Button und schon befindet er sich inmitten einer blutigen Actionszene, inklusive wilder Prügeleien, Verfolgungsjagden und Autostunts. Die Passanten reagieren nachvollziehbar und offensichtlich wie gewünscht: sie sind geschockt.

Flash ist Pflicht!

Auch nicht nett: Mobilfunkanbieter Orange


Rüde und ruppig sorgen Handy-Wächter im Kino für eine klingelfreie Zone, sehr zum Missfallen der ahnungslosen Mitspieler.

Flash ist Pflicht!

Hitler als freundlicher Hundeverkäufer?


Um auf eine Petition gegen den Bürgerkrieg in Darfur aufmerksam zu machen, wählte die NGO Collectif Urgence Darfour ein drastisches Stilmittel: Sie zeigt im viralen Spot gealterte Diktatoren, die sich geläutert geben. Hitler als freundlicher Zoohändler, Pol Pot als liebenswerter Schneider, Milosevic als Blumenfreund oder Saddam Hussein als Burger-Brutzler. Die Message: Träum weiter. Diktatoren hören niemals auf, Diktatoren zu sein. Die Umsetzung erzeugt Aufmerksamkeit, aber kein Wohlwollen, der virale Spot hat auf YouTube viermal so viele ablehnende Klicks wie zustimmende.
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Das Fazit: Auffallen um jeden Preis, diese Tendenz kann auch nach hinten losgehen. Bei allem Vergnügen an fiesen Einfällen sollte man weder die Werbebotschaft noch die Zielgruppe aus den Augen verlieren.

 

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